
Frauen auf der Pirsch - Interview mit drei Jägerinnen
(Dieter Mackenrodt) Noch sind es vor allem die Männer, von denen sich Frauen für die Jagd begeistern lassen. Doch das könnte sich schon bald ändern. In den Jungjägerkursen wächst der Anteil des weiblichen Nachwuchses deutlich an.
Frauen auf der Pirsch? Viele denken dabei an Bars oder Clubs, Stöckelschuhe oder kurze Röcke, nicht aber an den Wald und grüne Loden. Doch immerhin sind rund zehn Prozent der deutschen Jagdscheininhaber weiblich. Und immer mehr Frauen entdecken inzwischen ihre Leidenschaft für die Jagd: In manchen Jungjägerkursen stellen sie heute sogar schon mehr als die Hälfte der Teilnehmer.
Die
Reaktionen, die Jägerinnen von ihrem Umfeld erfahren, schwanken dabei meist
zwischen Erstaunen und Entsetzen. Viele wissen nicht, dass die Jäger nicht
nur Tiere töten, sondern auch den Wildbestand pflegen und Naturschutz
leisten. Tatsächlich macht das Schießen nur etwa ein Zehntel ihrer Arbeit
aus und gerade Frauen begeistern sich für die Hege und Pflege der Natur.
Einige lassen tatsächlich lieber den männlichen Jägern den einen oder
anderen Schuss und konzentrieren sich stattdessen auf die Beobachtung des
Wildbestandes, pflanzen Büsche und Hecken, legen Biotope an oder bauen auch
mal einen Hochsitz.Die Auslöser für die ungewöhnliche Leidenschaft jagdbegeisterter Frauen sind häufig im engeren Familienkreis zu finden: Väter, Brüder oder Ehemänner, die auf die Jagd gehen, sorgen in der Regel dafür, dass Frauen ihr Interesse für Wald und Flur entwickeln und gängige Vorurteile gegenüber der Jagd beiseite legen oder gar nicht erst fassen.
Erstaunlich viele Menschen sitzen dem Irrglauben auf, das Reh sei die Frau vom Hirsch. Verständlicher wird es, wenn man bedenkt, dass in Deutschland heute nur noch jeder sechste Mensch auf dem Land lebt.
Genauer betrachtet ist es nicht einmal neu, dass Frauen sich in der grünen Zukunft engagieren. Schon Funde von Frauenstatuetten, die auf die Zeit zwischen 30 000 und 20 000 vor Christus datiert werden, deuten auf einen Kult mit weiblichen Jagdgeistern hin. Ein Kult, der sich auch in der griechischen und römischen Mythologie wieder findet und der sich sogar bis zur heutigen Zeit bei vielen Jagdvölkern gehalten hat.
Die Jagd auf größere Tiere war dabei zwar meist die Domäne der Männer. Dennoch ist beispielsweise die Leguan-Jagd bei den Aborigines reine Frauensache und auch das philippinische Volk der Taw-Batu kennt bei der Jagd auf Flughunde keine Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Schließlich gingen auch schon in der Antike – mit Artemis bei den Griechen und Diana bei den Römern – zwei Frauen mit Pfeil und Bogen auf die Jagd. Auch sie wachten dabei nicht nur über das Glück der Jäger, sondern schützen auch das Wild und verfolgten Jagdfrevel mit ihrem göttlichen Zorn. Der Krieg dagegen, blieb den männlichen Göttern vorbehalten.
mit Dieter Mackenrodt

Hedi Jung: Ich bin schon als Kind viel durch den Wald gekrabbelt und war der Natur sehr verbunden.
Meine Oma war passionierte Jägerin und Hundeführerin, sie züchtete Deutsch Drahthaar. Sie hat mir immer viel darüber erzählt, besonders von der Niederwildjagd. Mein Onkel, der ebenfalls Jäger war, nahm uns einmal zu einer Treibjagd, meiner ersten, in Watzenborn-Steinberg mit. Dieses Erlebnis war sehr prägend und wiederholte sich in soweit, dass ich genau dort dreißig Jahre später auf meiner ersten Treibjagd als Jagdscheininhaberin prompt meinen ersten Fuchs geschossen habe. Ein weiteres Vorbild war mir die Sekretärin meines Vaters, Frau Köhler, in Giessener Kreisen bestens als Geier Walli bekannt. Von ihr bekam ich mit zehn Jahren mein erstes Frettchen und bin mit ihr auf die Jagd gegangen. Frau Köhler gehörte in der damaligen Zeit einfach zum Giessener Stadtbild, zumal sie, um auf die Jagd zu kommen öffentliche Verkehrsmittel benutzte, wohlgemerkt mit Greifvogel auf der Faust! Wie sie sehen, waren es also vornehmlich Frauen, die in mir das Interesse an der Jagd geprägt haben, so dass es mir diese gar nicht als Männerdomäne vorkam.
Mit elf Jahren bekam ich dann mein erstes Pony und begann erst einmal eine Reiterkarriere, wie wohl die meisten Mädchen in dem Alter. Prägnanter Weise habe ich mich aber auf das Jagdreiten eingeschossen, erst hinter den Hunden, dann über zwanzig Jahre als Pikör mit den Hunden. Meine Oma hat in all den Jahren immer wieder versucht, mich zur grünen Jagd zu bewegen und legte mir alle Jahre wieder die Anmeldung vom Jagdverein Hubertus-Giesen auf den Tisch. Angemeldet habe ich mich dann leider erst 2003, drei Jahre nach ihrem Tod und habe als Mitglied im Jagdverein Hubertus 2004 die Jägerprüfung abgelegt.
Michaela Will: Ich bin Jägerin geworden, weil mein Mann mich überredet hat den Jagdschein zu machen. Er meinte, es wäre doch schön, wenn wir ein gemeinsames Hobby hätten.
Monika Riess: Die Jagd hat mich schon immer fasziniert, mit meinem Bekannten bin ich des Öfteren auf den Ansitz gegangen und so blieb doch Vieles hängen …
Hedi Jung: Vieles! In erster Linie wohl das rudimentäre, natürliche. Mir ist es wichtig, zu wissen, wie die Tiere gelebt haben, die, in welcher Form auch immer, auf meinem Teller liegen. So wäre mir eine Mastpute ein Albtraum. Eine Ärztin, mit der ich zusammenarbeite und die unser heimisches Wildbrett liebt, sagt immer, mehr Bio geht nicht. Aber auch das Jagen an sich. Jeder der sich Jäger nennt weis, was jagen bedeutet. Ich denke, vor allem Hundeführer können unzählige faszinierende Momente beschreiben, in denen sie sich mit Hund und Natur im Einklang befunden haben. Und egal, ob nun am Ende der Jagd Wild auf der Strecke liegt oder nicht, ein Hundeführer nimmt immer mindestens ein Erlebnis mit nach Hause.
Michaela Will: Es gibt so vieles, was mich an der Jagd fasziniert. Jede Jahreszeit hat etwas Besonderes! Jede Wildart hat etwas Besonderes! Es gibt so vieles was wir von der Natur lernen können …
Ich mag es alleine auf dem Hochsitz zu sitzen und die verschiedenen Tiere zu beobachten, die Seele baumeln zu lassen, seinen Gedanken nachzugehen …
Monika Riess: Die Ruhe beim Ansitz, das Spannende, wann taucht wo ein Stück Wild auf … auch ist es ein Ausgleich zum Berufsleben.
Hedi Jung: Ich habe einmal mehrere Tage auf einen Korkenzieherbock gesessen, beim letzten Ansitz sogar vom frühen Abend bis in den Morgen, dass war sicher eines meiner tiefsten Jagderlebnisse. Den Korkenzieherbock bezeichne ich für mich, zumindest vorerst, als meinen Lebensbock. Ansonsten vergisst man natürlich seinen ersten Rehbock auch nicht, ein Erlebnis der besonderen Art. Ansonsten habe ich viele bleibende Erlebnisse mit meinem Hund gehabt, sei’s auf der Niederwildjagd, an Raubzeug oder bei der Nachsuche auf ein Stück Schwarzwild.
Michaela Will: Mein schönstes Jagderlebnis war bei einer Bewegungsjagd. Mir wurde ein Hochsitz zugewiesen. Nach Beginn des Treibens hörte ich von weither ein undefinierbares knacken und trampeln. Plötzlich sah ich drei Hirsche herankommen, die direkt vor meinem Hochsitz verhofften. Diese gewaltigen stolzen Tiere so nahe zu sehen, war ein tolles Erlebnis.
Monika Riess: Der Schuss auf meinen ersten Bock, war schon ziemlich aufregend, so ganz alleine, aber ich war mir sicher, dass alles gut ging. Die Entfernung hätte etwas weniger sein können, da hatte ich nochmal Glück, das ich die 7mm Rem. Mag. hatte.
Hedi Jung: Die Wichtigkeit der Nachhaltigkeit in der Natur und deren Komplexität, es ist ein Geben und ein Nehmen. Sie lernen, was Verantwortung bedeutet, nicht zuletzt auch für unsere Jagdhelfer Hund und Frettchen. Kindern lernen von Jägern auch den Zusammenhalt und die Gemeinschaft bei der Jagd, zumindest bei uns. An dieser Stelle gilt mein besonderer Dank meinen Beständern Karl-Heinz Backhaus und Klaus Schwan, die uns gemeinsam mit dem Jagdaufseher Bernhard Schneider gezeigt haben, wie das gehen kann. Mein Sohn Carl (11 Jahre) lernt von uns auch den verantwortungsvollen Umgang mit Waffen, vor allem indem wir als Vorbild fungieren und nicht zuletzt, indem er uns Löcher in den Bauch fragt. Rein theoretisch müsste er die UVV-Jagd schon auswendig können.
Michaela Will: Meine Tochter ist mit der Jägerei und dessen Handwerk groß geworden. Sie ist für alles zu begeistern, was mit der Jagd zu tun hat. Ich denke, dass sie ein besseres Verständnis für die Natur bekommt. Im Zeitalter von Playstation und PC-Spielen finde ich, das ein Kind sich doch lieber draußen beschäftigen sollte.
Monika Riess: Ich bin keine Mutter.
Hedi Jung: Die Naturverbundenheit und Erlebnisse in der Jugend (Oma, rote Jagd, Frettchen-Jagd …) haben mir die entscheidenden Impulse gegeben.
Michaela Will: Als mein Mann sich entschloss den Jagdschein zu machen, habe ich nie daran gedacht es ihm nachzumachen. Vieles fand ich abstoßend und widerlich. Aber ich musste mich zwangsläufig damit beschäftigen. Mit der Zeit war es nicht mehr so schlimm, half meinem Mann wo es mir möglich war. Irgendwann nahm er mich mit auf den Ansitz und zu Bewegungsjagden. So konnte ich mir ein besseres Bild machen.
Monika Riess: Durch meinen guten Bekannten, ich bin fast jeden Abend mit raus, ob Sommer oder Winter. Manchmal haben wir bei minus 15 Grad die halbe Nacht bei Schnee gesessen.
Hedi Jung: Ja, ich denke schon. In Zeiten der Emanzipation wo es selbstverständlich ist, dass Frauen ihren Lebensunterhalt selber bestreiten, erscheint es nur zu verständlich, dass sie sich diesen auch rudimentär ergänzen wollen.
Michaela Will: Ich denke schon, dass sich Frauen immer mehr für die Jagd begeistern. Die Zahlen sprechen für sich. Warum sollte die Jagd nur den Männern vorbehalten sein? Es gibt nichts was wir nicht auch könnten!
Monika Riess: Ich denke schon, die Damenwelt wird doch immer emanzipierter. Warum können Frauen nicht auf die Jagd gehen.
Hedi Jung: Ich denke schon. Und das hat wohl wieder mit der Männerdomäne zu tun. Von Frauen wird erst gar nicht erwartet, dass sie am Ende einer Jagd als Jagdkönig dastehen, Härte zeigen und wie ein Nimrod durch die Wälder ziehen. Das erspart uns viel Profilierungsnot. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich nicht wohl fühle. Ich weis, wozu ich in der Lage bin und habe auch nicht den Eindruck, belächelt zu werden, im Gegenteil. Ich muss mich nur nicht als Mann, der ich nicht bin, mit den Männern messen. Ein Stück weit sollten Männer Männer bleiben können und Frauen eben Frauen, schließlich haben wir ja auch unterschiedliche Gene. So liegt es vielleicht nicht zuletzt in den Genen verankert, dass Frauen ein vermehrtes Sicherheitsbedürfnis haben und Männer eben stark sein müssen. Und nun mal ehrlich, welche Frau möchte nicht auch einen starken Mann an ihrer Seite haben. Dies sollte aber auch einen Mann nicht zum Leichtsinn hinreisen, auch nicht durch einen der dümmsten Sprüche auf der Jagd, den sich schon mancher hat anhören müssen: „Warum hast du nicht geschossen?“ Jeder der nicht geschossen hat, hat einen Grund dafür gehabt.
Michaela Will: Ich bin der Meinung, dass sich Frauen und Männer nicht sehr unterscheiden was die Jagd angeht. Wir haben doch dasselbe Ziel.
Monika Riess: Frauen verhalten sich nicht anders als Männer, vielleicht sind sie nicht ganz so zimperlich.
